Klingt verlockend- Solange in den deutschen Bergen noch Schnee liegt, fahren wir in den Süden, nach Kroatien. Genau genommen nach Umag, nahe der slowenischen Grenze.
Hier findet die Startnummernausgabe statt und gleichermaßen ist hier später das Ziel.
Daher haben wir ein Hotel direkt in Umag gebucht, denn nach den 100 Meilen hat keiner mehr Lust auf eine längere Autofahrt in fremder Umgebung.

Freitag –  was tun bis 17 Uhr ?

Das Rennen startet am Freitag um 17 Uhr, wir reisen also am Donnerstag an, so dass wir den Freitag ganz relaxt gestalten können.
Zum Glück bietet das Hotel ein Halbpensionsangebot mit großem Buffet, wir lassen es uns nach der Startnummernausgabe und einem Kaffee am Meer so richtig schmecken.

Der Freitagvormittag verläuft ganz entspannt, nach einem ausgiebigen Frühstück und einem letzten Check des Equipments fahren wir nach Labin, dem Startort der 100 Meilen Strecke. Als wir dort am frühen Vormittag ankommen, ist vom Start des Rennen, das hier in ein paar Stunden stattfinden soll, noch nicht zu sehen oder spüren.
In einem Restaurant kehren wir ein um uns mit leckerer Pasta zu stärken.
Langsam rückt auch der Start näher und die Stadt beginnt sich mit Läufern und deren Begleiter zu füllen.

Wir versuchen noch einen Schattenplatz zu bekommen, denn die Sonne hat tagsüber schon ganz schön Kraft.
Endlich ist es soweit, wir stellen uns in die Startaufstellung, gleich geht’s, also los….

Der Startschuss fällt pünktlich um 17 Uhr und der Pulk von 400 Läuferinnen und Läufern setzt sich in Bewegung. Glücklicherweise verläuft der erste Kilometer auf einer sehr breiten Straße, so dass sich das Feld ein bisschen sortieren kann, bevor es auf die Singletrails geht. Auf diesen geht’s stetig bergab, bis wir das Meer erreichen. Leider können wir das nicht lange genießen, denn über Treppen geht es gleich wieder bergauf. Es dauert nicht lange, bis wir uns in mitten einen schönen Landschaft, zwischen Pinienbäumen und Oliven Heine befinden.
Nach rund 15 km ist der erste VP schon in Sicht. Leider wird hier auch das Landschaftsbild etwas getrübt. Der Ort Plomin Lunka wird von einem riesigen Industriebau, bzw. einem nicht zu übersehenden Kraftwerk dominiert. Dieser Anblick holt mich wieder ein bisschen zurück in die realer Welt, von der ich mich gedanklich schon verabschiedet hatte.
Ich verweile nur kurz am VP, das Feld ist noch recht dicht beisammen und es ist sehr hektisch hier, so dass ich einfach nur weg möchte.

Jetzt folgt einer der schönsten Streckenteile, wie ich finde. Ich steige immer weiter auf, dem Berg Vojak (1401 m) entgegen. Dieser Berg dominiert das Landschaftsbild, die Antennen und die Radarstation auf dem Gipfel tun ihr Übriges.

Bevor ich den Vojak erreiche, darf ich Zeuge eines wunderschönen Naturschauspiels werden. Zu meiner rechten sehe ich auf das Meer auf der linken Seite darf ich einen wunderschönen Sonnenuntergang bestaunen. Am liebsten würde ich hier stehen bleiben und viele Fotos machen, aber dazu bleibt keine Zeit, liegen doch noch über 140 km vor mir.
Ich versuche noch den 2. VP zu erreichen, ohne dass ich die Stirnlampe aus dem Rucksack kramen muss. Leider klappt das nicht, die Dunkelheit bricht doch ziemlich schnell herein, so dass ich kurz anhalten muss.

Kurze Zeit später erreiche ich den VP 2 bei km 25. Die Helfer haben hier ein Zelt aufgestellt und ein Lagerfeuer entzündet. Ich trinke nur kurz was, fülle meine Flaschen auf und laufe weiter.
Jetzt kommt der vermutlich härteste Anstieg des Rennens… und darauf freue ich mich schon sehr.

Samstag – Auf eine kalte Nacht folgt ein sonniger Tag

Von weitem sehe ich immer wieder die beleuchteten Antennen des Vojaks, aber gefühlt komme ich diesem Berg nicht näher.
Aufstiege, Abstiege und Gegenanstiege wechseln sich ab. Auf einmal befinde ich mich auf dem finalen Anstieg oberhalb der Baumgrenze. Es wird empfindlich kalt, der Wind bläst gefühlt von allen Seiten. Ich entscheide mich, meine Regenjacke über zu ziehen.
Damit bin ich im Vergleich zu vielen hier, eher spartanisch bekleidet. Manch ein Mitläufer hat sich in Mütze, dickes Shirt, Jacke und Handschuhe gehüllt.
Das scheint mir aber etwas zu viel und ich schaue lieber dass ich in Bewegung bleibe und schnell über den Berg komme. Kurze Zeit später erreiche ich den Gipfel. Hier liegt, wie vom Veranstalter angekündigt, tatsächlich noch Schnee. Voll cool, denn mit Schnee hätte ich in Kroatien nicht gerechnet.
Es ist kalt hier oben, also verzichte ich auf Fotos, es ist ja eh dunkel, und mache mich wieder an den Abstieg. Das ist eine ziemlich rutschige Angelegenheit, weil der Weg immer wieder von Schneefeldern bedeckt ist. Der Downhill macht aber richtig Spaß und so komme ich bald schon beim VP 3 an.
Dieser ist in einem Gebäude untergebracht, was kurz die Möglichkeit zum hinsetzten und aufwärmen bietet.
Dass die Nacht so kalt werden würde, damit habe ich nicht gerechnet. Das Problem ist, dass es mir mit Regenjacke zu warm und ohne fast zu kalt ist.
Ich zwinge mich dazu, in Bewegung zu bleiben und verzichte auf die Jacke. Lieber friere ich etwas, wie dass ich einen Hitzestau verursache.
Die Nacht vergeht recht schnell, das Gelände ist mit ständigen Auf – und Abstiegen gespickt, so dass ich auch gut voran kommen.
Ich muss den Helfern und dem Veranstalter echt ein Kompliment für ihre Schmerzfreiheit machen. In der Nacht gab es einen Zeitmesspunkt am Gipfel eines Berges. Dort oben ging ein heftiger, kalter Wind und es lag noch Schnee. Der Helfer, der dort die Zeitnahme durchführt hat, war mit dicken Klamotten in einen Schlafsack gekauert und als Windschutz war ein Tarp aufgespannt und das über Stunden. Das nenne ich mal vollen Einsatz.
Ich bin auf alle Fälle froh, dass ich den Gipfel zügig wieder laufend verlassen darf.
In den frühen Morgenstunden erreiche ich den VP bei km 74. Der Tag bricht an und in mir neue Lebensgeister. Es ist doch faszinierend, wie fit man sich auf einmal fühlt, wenn es wieder hell wird und der Köper verstanden hat, dass es keinen Schlaf geben wird.
Mit einem herrlichen Sonnenaufgang im Rücken läuft sich der nun folgende Anstieg wie von selbst. Die Gegend ist wunderschön und ich genieße die morgendliche Stimmung und sauge die ganze Energie in mich auf.

Es folgt ein 8km langer Downhill, zum größten VP des Rennens, nach Buzet bei km 88. Die Hälfte der Strecke ist also geschafft. Nach einem Teller Nudeln, einem Klamotten- und Schuhwechsel und einer kleinen Pause geht es wieder auf die Strecke.
Auch wenn ich die höchsten Berge und die gemeinsten Anstiege in der Nacht schon hinter mich gebracht habe, so liegen doch noch ein paar anständige Höhenmeter vor mir.
Vom CP weg geht es aber erst mal Kilometerlang und flach an einem Fluss entlang, ideal um Kilometer zu machen. Auch die Sonne lässt sich nun blicken und gibt uns Läufern einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns die nächsten Stunden erwarten wird.
Der nächste VP befindet sich in einem Bergdorf Namens „Hum“. Der Aufstieg ist schon sehr schweißtreibend und ich merke, dass ich auf den nächsten Etappen gut mit meinen Getränken haushalten muss, denn als ich in Hum ankomme sind beide Flaschen nahezu leer.
Ich versuche am VP nochmal viel zu Trinken und Salz zu mir zu nehmen, denn die Hitze wird ganz schön an den Kräften und den Mineralstoffen im Köper saugen. Die folgenden 16 km sind zwar warm aber mit weniger Höhenmeter gespickt und auch streckenweise sehr gut laufbar, was meiner Motivation natürlich sehr gut tut.
Der nächste VP (km 117) ist wunderschön an einem Stausee gelegen. Hier ist wenig los, es gibt genügend Sitzgelegenheiten, was immer die Gefahr birgt, zu lange zu verweilen.
Ich diszipliniere mich und mache mich auf den weiteren Weg, das Ziel rückt ja schließlich näher.
Es folgt ein gefühlt ewig langer Anstieg, in einen der vielen kleinen Ortschaften, die es hier gibt. Die Aussicht von hier oben ist grandios, ich harre kurz aus und mache mich wieder auf den Weg ins Tal. Unten angekommen ist der nächste Ort schon wieder in Sicht. Dieser liegt, natürlich, wie sollte es auch anders sein, auch wieder auf einem Berg. Aber klar, die 6500 HM müssen ja auch irgendwo her kommen.
Ich erreiche den nächsten VP wieder mit leeren Trinkflaschen und etwas dehydriert. Im VP treffe ich auf 2 deutsche Läufer und es bleibt kurz Zeit für einen Ratsch, bevor wir uns wieder allesamt auf den Weg machen.
Das Höhenprofil verrät, dass nur noch 2 längere Anstiege auf mich warten, zuvor jedoch geht es bergab, es folgt eine Straßenquerung, die nicht ganz so ungefährlich ist, weil die Autos und Motorräder hier ordentlich angeschossen kommen. Dann heißt es Laufen, laufen, laufen, auf eine Teerstraße bis der nächste Ort endlich erreicht ist. Irgendwie missfällt mir diese Passage, war ich doch die letzten Stunde fast ausnahmslos auf Trails oder Feldwegen unterwegs und jetzt auf einmal stören Autos die herrliche Ruhe.
Der nächste Anstieg beginnt am Ende der Ortschaft und führt wieder raus in die Oliven Heine, vorbei an alten und teils verfallenen Bauernhäusern geht es stetig bergan. Am Ende des Anstieges ist der nächste Ort, indem sich auch der nächste VP befindet, schon zum Greifen nah. Es geht, wie sollte es auch anders sein, bergab durch den Ort zum VP der sich am hinteren Ortsende befindet.
Irre es sind nur noch 30 km bis ins Ziel nach Umag. Mittlerweile ist es später Nachmittag und die Sonne zieht sich zurück. Sobald die Sonne weg ist, wird es gefühlt extrem kälter. Es friert mich richtig, als ich vom VP los laufe, so dass ich nach kurzer Zeit schon zu den Ärmlingen greife und versuche zügig weiter zu laufen.
Mein Ziel war es, den nächsten VP noch ohne Stirnlampe zu erreichen. Auch wenn ich merke, dass sich die Dämmerung langsam breit macht, bliebe ich meinem Ziel treu, den letzten größeren Anstieg zügig hinter mich zu bringen.
Es wird immer dunkler und auch immer schwieriger den Trail zu sehen und nicht über Steine oder Wurzeln zu stolpern. Aber zwischen den Bäumen habe ich den Ort schon durchblitzen sehen, dennoch ziehen sich die letzten Kilometer doch noch ganz schön hin.
Es ist zwar bereits Dunkel, als ich in Groznjan ankommen, aber ich habe es doch noch geschafft, ohne die Stirnlampe rauskramen zu müssen.
Der VP beim km 147 befindet sich in einem kleinen Hinterhof in der Ortsmitte. Ich „bewaffne“ mich mit meiner Lampe, einem langen Shirt und frischen Getränken, dann geht’s auch schon wieder weiter.
Jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen, es sind ja nur noch 20 km ins Ziel und das nahezu in flachem Gelände.

Das Finish noch vor Mitternacht

Kurz nachdem ich am VP los bin, hat mich von hinten mein Lauffreund Norbert eingeholt. Ich habe mich sehr gefreut ihn zu sehen und so hatten wir Zeit etwas zu ratschen.
Norbert erzählte mir, dass er noch unter 30 Stunden finishen wollte. In Anbetracht der Tatsache, dass dafür nur noch 2 Stunden Zeit war und noch 16/17 km vor uns lagen, war das ein sportliches Ziel. Ich war mir nicht sicher, ob meine Muskulatur das Tempo noch gehen konnte und ob mein Kopf das Tempo noch gehen wollte, aber ich schloss mich erst an und wir liefen zusammen in Buje, dem letzten VP, 13 km vor dem Ziel ein.
Wir stoppen nur ganz kurz, denn es ist mittlerweile richtig kalt geworden und der Körper kühlt sofort aus. Das wollen wir verhindern, außerdem steht ja das 30 Stunden Ziel für Norbert, somit haben wir keine Zeit zu verlieren.
Ich gehe das Tempo noch bis 8km vors Ziel mit, und entscheide mich dann, Norbert viel Erfolg zu wünschen und Ihn ziehen zu lassen. Meine Muskeln lassen das Tempo einfach nicht mehr zu. Bis jetzt hatte ich keine muskulären oder orthopädischen Probleme, dann muss ich mir diese auf den letzten 8 km auch nicht noch holen, dachte ich mir.
Die letzten Kilometer ziehen sich dann doch ziemlich hin. Man sieht Umag schon Kilometer bevor man dort ankommt. Der Weg verläuft immer entlang eines Kanals, mal links davon mal rechts davon.
Nach 30h 27 min erreiche ich glücklich und zufrieden das Ziel, Norbert hatte sein 30 Stunden Ziel ebenfalls erreicht und wir wurden sehr Herzlich von unseren Frauen in Empfang genommen.
Die Stimmung ist gut, wenn auch aufgrund der Uhrzeit (23:30 Uhr) nicht allzu viele Zuschauer da sind.
Die Zielverpflegung ist überschaubar, Cola, Wasser, Obst und Nüsse…..
Ich verzichte drauf, denn all diese Köstlichkeiten gab es auch schon an den VP´s so dass ich nun auch keine Lust mehr drauf habe.

links vor dem Start – Rechts nach dem Finish

Im Hotel gönnen wir uns noch ein Bier an der Hotelbar, bevor es dann im Zimmer, unter die Dusche, und danach schnurstracks ins Bett geht.

Fazit:

Ich kann diesen Lauf nur empfehlen. Die Organisation ist gut, die Landschaft ist wunderschön, VP´s sind reichlich vorhanden und sind gut ausgestattet. Die Strecke ist teilweise für einen Trail ziemlich schnell und gut zu laufen, so dass sich die 6500 HM ganz gut verteilen und die Anstiege nicht zu schwierig, ausgesetzt oder lang sind. Die Markierung ist absolut TOP, verlaufen ist eigentlich nicht möglich, da haben sich die Veranstalter wirklich richtig Mühe gegeben.
Ein Hotel in Umag, unweit vom Ziel ist ratsam und erleichtert die Logistik.

Infos zum Lauf und Hotel

Homepage des Veranstalters : https://www.istria100.com/
Homepage zum Hotel:  Sol UMAG

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