Am Nachmittag setze ich das Spine Race fort. Der nächste Punkt den es zu erlaufen gilt ist der „Great Shunner Fell“, ein Berg auf 716 m Höhe. Mein Startort Hawes liegt auf 230 m, ergo sind es ca. 500 bis 600 Höhenmeter bis zum Gipfel.

Im Tal hält sich das Wetter noch zurück

Bereits vom Tal aus ist zu sehen, dass die Sicht am Gipfel schlecht sein muss. Dieser verbirgt sich vollständig in einer grauen Hülle, so dass man die Silhouette nur erahnen kann.
Zunächst verläuft der Anstieg durch die Ortschaft und einige Grashügel recht unspektakulär. Doch je weiter ich empor steige desto stärker wird der Westwind. Im Unterschied zu Deutschland, ist der Sturm hier nicht böig, sondern konstant stark.
Ich entscheide mich meine Schneebrille aufzusetzen, denn der Wind peitscht mir den Schnee mit einer Eiseskälte ins Gesicht. Der Sturm gewinnt immer mehr an Stärke, je näher ich dem Gipfel komme. Die Fußspuren der Vorläufer sind nicht zu erkennen. Die starken Schneeverwehungen lassen diese in Sekundenschnelle verschwinden.
Beharrlich kämpfen ich mich Meter für Meter dem Gipfelaufbau entgegen. Auch wenn die Bedingungen hier wirklich hart sind, so freue ich mich endlich in den Bergen unterwegs zu sein und nicht mehr auf den Matschtrails des Vortags.

Am Gipfel angekommen gönnen wir, Micha und ich, uns eine kurze Pause, einigermaßen windgeschützt hinter 2 Steinen, um kurz einen Rigel zu essen und etwas zu trinken. In meiner Trinkflasche haben sich bereites Eiskristalle gebildet, so dass es nun Iso Getränk mit Chrush Eis gibt. Ich hoffe nur, dass mein Getränk nicht vollständig einfriert.

In der Ferne ist schon der Talort Thwaite zu erkennen. Bald wird schon wieder die Dämmerung einsetzen, so dass ich gleich meine Stirnlampe aufsetze, denn wir werden es nicht schaffen, Thwaite noch bei Tageslicht zu erreichen.

Der Abstieg ist äußerst mühsam. Normalerweise führt ein Plattenweg die Läufer ins Tal. Durch die vielen Schneeverwehungen ist dieser nicht zu erkennen. Obwohl ich die ganze Zeit versuche, exakt auf dem GPS Track zu bleiben, trete ich öfter neben den Weg und sinke bis über die Waden in kalten Matsch ein.

Vier Stunden hat der Ritt über den „Shunner“ in Anspruch genommen. Es ist dunkel geworden auf dem Pennine Way. In Thwaite warten 3 freundliche Helfer mit Wasser auf uns. Ich fülle nochmal auf und weiter geht es über verschneite und rutschige Felsen zum nächsten Ort namens Keld.
Dass ich euch überhaut Ortsnahmen sagen kann liegt daran, dass ich beim Schreiben mit der Karte da sitze und dem Weg folge. Während ich auf der Strecke bin, sind die Orte oft gar nicht namentlich zu erkennen.

Ich erwähne die Namen im Bericht dennoch, damit ihr, falls ihr es wollt, auf der Karte nachvollziehen könnt, wo ich mich gerade befinde.

Die folgenden 6 km sind wiederum sehr leicht, zwar konsequent bergauf, aber gut zu laufen bzw. wandern. Das nächste Ziel ist Tan Hill, der höchste Pub Englands.
Ich bin so gut in der Zeit, dass dieser auf jeden Fall noch offen hat, wenn ich dort ankommen. Das ist doch Motivation pur und das Wetter hat sich auch wieder etwas zurückgenommen, so dass der Sturm etwas abgeflaut ist.

Das Tan Hill Inn ist ein sehr gemütlicher Pub, an der Decke blinkt eine bunte Lichterkette, vis a vis des Eingangs befindet sich eine lange Bar, wie sie in Englischen Pubs üblich ist und im rechten Eck lodert ein wunderschönes Kaminfeuer. Ich fühle mich auf Anhieb sehr wohl hier. Aber mir ist bewusst, dass ich bald weiter muss. Zuvor stärke ich mich mit Suppe, Pommes, Cola und wärme mich am Kaminfeuer auf.

Schweren Herzens verlasse ich das Tan Hill Inn um 22 Uhr und setze meinen Weg des Spine Races fort. Als nächstes folgt die Querung eines Moors, laut Micha die Schlüsselstelle auf dieser Etappe. Damit sollte er nicht recht behalten….

Mittwoch, 17.01.18 – Das Race – Tag 4

Das Moor quere ich ohne größer Probleme. Wichtig ist nur, exakt auf dem Track zu bleiben um die Brücken über diverse Bäche zu finden und nicht in Moorlöcher sog. Bogs einzubrechen.

Nachdem ich das Moor gequert habe, zeigt sich das Wetter von seine bisher härtesten Seite. Der Schneefall und der Wind nehmen wieder richtig Fahrt auf. Nach kürzester Zeit sind keine Wege und keine Spuren mehr erkennbar. Einzig das GPS weist mir noch den Weg durch die Dunkelheit. Mittlerweile hat es so viel geschneit, dass wir teilweise Hüfttief in Schneelöchern verschwinden.
Ein zügiges voran kommen ist nicht mehr möglich und die zunehmende Müdigkeit tut ihr Übriges dazu. Micha und ich wechseln uns mit der Navigation ab, aber unsere Kräfte schwinden von Minute zu Minute.
Eine kleine Schutzhütte aus Blech nutzen wir für eine kurze Pause und um eine Entscheidung für das weitere Vorgehen zu treffen.
In der Hütte sind wir zwar vor Wind und Wetter geschützt, dennoch ist es hier empfindlich kalt.
Bis zum nächsten CP sind es „nur“ noch 15 Kilometer. Zwei weitere Läufer sind mittlerweile auf uns aufgelaufen und haben sich dazu entschieden, in der Hütte ihr Biwak aufzuschlagen.
Wir entscheiden uns dafür, weiter zu gehen. Es ist einfach viel zu kalt um „auf dem Trail“ zu schlafen.

Im Blizzard kurz vor Checkpoint 3

Das Wetter zeigt sich weiterhin von seiner erbarmungslosen Seite. Wir kämpfen uns durch die Schneemassen und mobilisieren unser letzten Kräfte. Etwa 3 km bevor wir den CP erreichen, dreht der Wind nochmal richtig auf und wir finden uns in einem tosenden Blizzard wieder.
Wieder können wir uns kaum gerade auf den Beinen halten. Was mich antreibt ist die Tatsache, dass die Lichter des Orts Middleton schon sichtbar sind und das Ziel somit greifbar nahe ist.
Im Checkpoint angekommen realisiere ich zum ersten Mal, dass wir für die vergangenen 15 km fast 6 Stunden unterwegs waren, mittlerweile ist es 6:30 Uhr in der Früh.
Schnell ziehe ich mich um, esse etwas und lege mich sofort schlafen.
Als ich wieder aufgestanden bin und im Gemeinschaftsraum etwas esse, sehe ich wie ein Läufer, der gerade angekommen ist, am Tisch in Tränen ausbricht und vor Erschöpfung zusammenbricht. Die Medis vor Ort haben sich natürlich sofort um ihn gekümmert.
Aber es ist irre, man merkt es selbst gar nicht, welcher wahnsinnigen Belastung man ausgesetzt ist- man funktioniert einfach nur noch!
Nach und nach kommen alle Läufer im CP an, die ebenfalls die ganze Nacht draußen verbracht haben. Alle sehen ganz schön mitgenommen aus. Wenn man ihnen in die Augen schaut, würde jedem einzelnen ein paar Stunden

Im Checkpoint 3

Schlaf gut tun. Dennoch entscheiden sich einige, ohne Schlaf weiter zu gehen, einfach irre!

Ich fühle mich gut, nicht zuletzt weil ich mir ein paar Stunden Pause gegönnt habe, mit Christine telefonieren konnte und die Möglichkeit hatte, kurz die sozialen Medien zu checken und dadurch gespürt haben, wie alle Freunde draußen mitfiebern. Das hat mich richtig motoviert!

Am frühen Nachmittag geht es wieder auf den Trail. Die lange Pause hat nun zur Folge, dass ich nur wenige Stunden im Hellen haben werde, bevor es gegen 17 Uhr schon wieder dunkel werden wird.
Zunächst verläuft mein Weg etliche Kilometer total einfach und unspektakulär entlang des „River Tees“. Das tut sehr gut, weil ich mir über die Wegfindung hier keine großen Gedanken machen muss. Entlang des Rivers gibt es 2 Wasserfälle „Low Force“ und „High Force“ , die von einigen Wanderern als Ausflugsziel angesteuert werden.
Als die Dunkelheit schon wieder eingesetzt hat, erreiche ich die erste Schlüsselstelle dieser Etappe.

Am „Cow Green Reservoir“ gilt es entlang eines Wasserfalls, über schneebedeckte und rutschige Felsen empor zu klettern. Das macht auf der einen Seite echt Spaß, weil es eine willkommene Abwechslung zu kilometerlangen flachen Passagen ist, aber ganz ungefährlich ist das unterfangen nicht.

Aufstieg zum Wasserfall am Cow Green Reservoir

Als die Felsen erklommen sind, gönne ich mir auf Höhe des Staudamms kurz 5 Minuten Pause. Doch recht zügig merke ich, dass ich empfindlich schnell auskühle und mache mich unmittelbar weiter auf den Weg.
Nach 6 Kilometer erreiche ich einen der Höhepunkte und schönsten Sehenswürdigkeiten des Pennine Way´s , High Cup Nick.
Eine wunderschöne steil abfallende Felsformation, die ich leider aufgrund der Dunkelheit nicht sehen kann. Kurioserweise wird es auf einmal enorm mild. Die Temperaturen steigen merklich an, während ich mich auf den letzten Kilometern in Richtung Dufton befinde. Jetzt läuft es richtig gut, der komplette Abstieg bis in den Ort kann ich in einer richtig guten Pace laufen. Es läuft so gut, dass ich mir schon Sorgen mache, ob ich es womöglich übertreibe.
In Dufton gibt es einen kleinen Checkpoint und ein Café. Der Plan ist, kurz im CP vorbei zu schauen, im Café kurz was zu essen und dann in die Berge zu starten.

Doch leider kommt es ganz anders…..

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