Auf dem Weg nach Byrness

Nach zwei großen Tassen Kaffee geht’s dann wieder auf die Strecke, im Dunkeln natürlich.

Das nächste Ziel heißt Byrness, der allerletzte kleine Checkpoint bevor es erneut in die Berge geht.
Prinzipiell ist die Strecke nach Byrness nicht schwer, zunächst verläuft der Weg durch den Ortskern von Bellingham bevor es wieder raus ins Gelände geht. Hier erwartet uns Läufer dann , die erste Herausforderung dieser Etappe. Auf einer Strecke von drei Kilometern gilt es, sich den Weg durch knietiefen Schnee zu bahnen. Gefühlt benötige ich für dieses kurze Teilstück schon wieder eine halbe Ewigkeit.
Als der Trail dann auf einmal auf eine Straße mündet, bin ich total erstaunt, dass mich der GPS Track anweist der Straße zu folgen. Was für eine Erleichterung, hier kann ich sogar recht zügig laufen. Die Straße mündet kurz darauf in ein Waldgebiet, bleibt aber weiterhin super zu laufen. Die folgenden 2 Stunden komme ich super voran, was vor allem dem Kopf sehr gut tut. Ich erreiche den CP in Byrness um kurz vor 1:00Uhr, genau 3 Minuten nach der italienischen Läuferin Ita.

Freitag, 20.01.18 – Das Race – Tag 7

Wir werden gleich darauf hingewiesen, dass wir uns hier nur 30 Minuten aufhalten dürfen. Ich esse eine warme Suppe und lass meine Flaschen nochmal mit warmen Wasser füllen, um das Einfrieren dieser etwas hinauszuzögern.
Während des Essens werden wir nochmal für die Nacht gebrieft.
Es soll die ganze Nacht in den Bergen schneien und im Windchill bis zu -20 Grad kalt werden. Ich entschließe mich dazu, im CP gleich eine zusätzliche Jacke unterzuziehen.
Unterwegs gibt es 2 Hütten, Hut 1 ist diese Jahr nicht besetzt. Hier gibt es lediglich ein Walkie Talki, damit im Notfall Hilfe angefordert werden kann.
Hut 2 ist mit einer Crew besetzt, hier gibt es auch nochmal die Möglichkeit Getränke nachzufüllen. Leider hat niemand erwähnt, wie weit es zu HUT 2 ist!
Um 1:30 Uhr bin ich wieder auf der Strecke. Das war der letzte CP, jetzt geht es in die letzte Nacht durch die Ceviot Hills. Langsam setzt wieder ein Schub von Müdigkeit ein. Mir fallen immer wieder die Augen zu. Ich versuche mich so gut es geht wach zu halten und weiß, die Müdigkeit wird irgendwann vergehen. Ich versuche mir mit Süßigkeiten zu helfen und hoffe dass der Zucker, meine Lebensgeister wieder weckt. Ich trinke auch recht schnell eine Trinkflasche leer, denn ich befürchte dass diese sonst recht schnell einfrieren wird.
Ich laufe einfach dem GPS Track nach, ohne groß nach links oder rechts zu sehen. Es ist ohnehin so dunkel, dass nichts groß zu erkennen ist. Ich schaue ab und an auf meine Uhr und traue meinen Augen nicht. Die Zeit vergeht wie im Flug.
Um ca. 6:15 Uhr erreich ich die erste Schutzhütte. Eigentlich wollte ich dort drin kurz eine windgeschützte

Der Tag bricht an, mit Sonnenschein und 2stelligen Minustemperaturen

 Pause einlegen.
In der Hütte Biwakieren zu diesem Zeitpunkt 3 Läufer. Unfassbar, bei der Kälte hätte ich mich das nicht getraut. Ich entschließe mich, die schlafenden nicht zu stören, sondern vor der Hütte einen Energieriegel zu essen. Nach 2 Minuten fange ich schon vor Kälte an zu zittern. Ich laufe sofort weiter um nicht noch mehr auszukühlen.
Als gegen 8:00 Uhr der Tag anbricht befinde ich mich gerade auf dem Anstieg zum „Windy Gyle“, einem 620 m hoch gelegenen Hügel.
Das GPS verrät mir, dass es nur noch 17 km bis ins Ziel sind.
Bereits beim Abstieg von „Windy Gyle“ merke ich, dass es diese 17 km in sich haben werden. Die Landschaft ist optisch von einer traumhaften, weißen Schicht überzogen. Es sind Bilder, die man eigentlich nur von Fotografien kennt.
Doch sehr schnell werde ich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Der Schnee ist so weich, dass er schon bei der geringsten Belastung nachgibt und ich Schritt für Schritt Knietief und teilweise Hüfttief einsinke. Ein Vorankommen ist nur noch im Schneckentempo möglich und meine Kräfte schwinden von Minute zu Minute.
 

Traumkulisse an der schottischen Grenze

Ich lasse mich einfach in den Schnee fallen und bleibe 2 Minuten liegen, weil ich keine Kraft mehr habe. Aber es bringt nichts ich kühle aus und muss weiter. Vor mir ist eine 5 er Gruppe von Läufern unterwegs, die ich bald eingeholt habe.
Wir unterhalten uns kurz, und beschließen dann, dass wir den Weg gemeinsam angehen. Nach ca. 50 Meter wechseln wir uns mit dem Spuren ab, so dass jeder mal vorne weg geht und sich danach wieder etwas erholen kann.
Schneller als 1 bis 1,5 km in der Stunde kommen wir nicht voran. Aber im Team sparen wir auf alle Fälle Kräfte, die wir noch brauchen werden.
Gemeinsam erreichen wir den nächsten Hügel, „Kings Seat“. Die Kulisse ist einfach traumhaft.

Kings Seat

Ich lasse die Gruppe ziehen und bleibe 5 Minuten hier sitzen und genieße die Landschaft und schieße ein paar Fotos. Es sind noch 12 km und es ist kurz vor 10 Uhr am Samstagvormittag. Ich schaue zurück auf den Weg, von dem ich her gekommen bin. Niemand ist mehr direkt hinter mir, in ganz weiter Entfernung sehe ich, wie sich ein Mitläufer durch den tiefen Schnee kämpft.
Ich kann die 2. Schutzhütte, Hut 2 schon sehen. Ich muss nur noch einen Hügel runter und wieder hoch, dann bin ich da. Aber auch hier ist der Schnee so tief, dass jeder Schritt unfassbar anstrengend ist.
Als ich in Hut 2 eintreffe, ist die 5er Gruppen von vorhin auch noch da. Ich fülle mein Wasser auf. Die Crew versucht mit mir ein kleines Video aufzunehmen, aber ich bin zu erschöpft um in Englisch die richtigen Worte zu finden.

 

Hut 2

Nach einer kurzen Pause machen ich mich wieder auf den Weg. Es sind nur noch 10 km bis ins Ziel. Zwischen Kirk Yetholm und mir liegt nur noch ein Hügel „The Schil“ den ich erlaufen muss. Ich nehme nochmal alle Energie zusammen und folge den Spuren meiner Vorläufer. Das man auch hier teilweise knietief im Schnee versinkt, versteht sich von selbst.
Danach wird der Weg zum Glück wieder leichter. Der Schnee bleibt zwar, aber dieser ist nur noch knöcheltief, so dass ich endlich mal wieder ein paar Meter traben kann, um zügiger Richtung Ziel zu kommen. Zeitlich habe ich zwar keinen Druck, aber mein Kopf sagt mir, dass es jetzt Zeit für das Finish wird.
Umso besser, dass ich ca. 2 Meilen vor dem Ziel auf meinen britischen Mitläufer Karl treffe. Wir unterhalten uns kurz und beschließen dann, diese 2 Meile zusammen zurück zu legen. Es geht uns beide nicht um irgendeine Platzierung, wir wollen beide einfach Finishen.
Ein letzter kleiner Anstieg auf eine Teerstraße, dann geht es auf der anderen Seite dieselben 20 hm wieder runter und dann ist es endlich soweit.
Von weiten sehe ich schon das Border Hotel und einige Leute davor stehen, die uns schon erwarten. Mir schießen die Tränen in die Augen, aber zu weinen bleibt keine Zeit. Karl und ich wollten zumindest die letzten Meter 

Der Zieleinlauf

bis ins Ziel laufend zurücklegen, das schaut auf den Fotos und Videos dann doch besser aus.
Also traben wir noch kurz über eine Wiese und dann ist es tatsächlich geschafft. Der Momente auf den alle Spine Racer warten ist erreicht.
Ich berühre um 15:20 Uhr mit meiner Hand einen bestimmten Stein, des Gebäudes und somit darf ich mich „Spine Finisher“ nennen. Ich bin überglücklich, es ist eine wahnsinnige Last die mir auf einmal von den Schultern fällt.
Irgendjemand hängt mir die Medaille um den Hals und gratuliert mir, dann werden noch ein paar Fotos geschossen und Videos gedreht.

 

Geschafft: Fix und Fertig, aber überglücklich bin ich im Ziel angekommen

 

Erleichterung: Jetzt kann mir das Finish niemand mehr nehmen

Anschließend werde ich sofort von den Helfern ins Hotel geführt. Ich habe gerade mal meinen Rucksack abgesetzt, da werde ich schon mit Kaffee und Essen versorgt.
Irgendwie geht mir das gerade alles viel zu schnell… ich komme gar nicht so schnell hinterher mich zu sortieren. Von daher bleibe ich erst einmal eine paar Minuten auf dem Stuhl sitzen und spreche mit Simon und Jens. Obwohl ich gar nicht alles überreisen kann, was die beiden mir erzählen.
Ich schlüpfe aus meiner Jacke und esse erst einmal und schaue ganz verwundet dem Trubel hier zu.
Mein Gefühl für die Zeit ist völlig verschwunden, ich kann auch im Nachhinein gar nicht sagen, wie lange ich hier gesessen habe. Ich weiß nur noch, dass ich mir noch eine weitere Portion zu essen und ein Zielbier gegönnt habe.

Das Zielbier

Danach wurde ich in die Gemeindehalle gefahren, wo ich mein Nachtlager mit Iso Matte und Schlafsack aufschlug. Ich wollte nur ein kurzes Nickerchen machen, bin dann aber doch so weggepennt, dass ich um 22:30 Uhr kurz aufgewacht bin, ein kurzes Telefonat mit Christine geführt habe und gleich wieder in den Tiefschlaf verfallen bin.
Faszinierend, denn als ich eingeschlafen bin, war die Halle fast leer, als ich am nächste Morgen aufwachte, war die Halle voll. Davon hab ich gar nichts mitbekommen. Ich hätte sicher auch länger als bis um 6 Uhr morgens gepennt, wenn mich nicht der Hunger aus dem „Bett“ gescheucht hätte.
Ich gönne mir das erste Frühstück in der Halle, später gehe ich dann mit Simon und Jens auf ein 2. Frühstück ins Border Hotel.
Dann ist es schon so weit, es heißt Abschied nehmen, vom Spine, von den Leuten und vom Pennine Way. Um 11Uhr steigen wir in ein Taxi, das uns nach Newcastle bringen wird. Simon und Jens fliegen gleich heim, ich werde noch eine Nacht in Newcastle verbringen.
Im Hotel habe ich mich mit Micha verabredet, der hier schon auf mich wartet. Wir trinken in der Hotellobby ein Bierchen und gehen dann noch ein bisschen in die Stadt zum Abendessen.
Gefühlt lebe in den Tagen nach diesem Rennen, nur von Mahlzeit zu Mahlzeit.
Am Montag früh um 11 Uhr geht dann auch mein Flieger zurück nach München und ich sage „Bye Bye“!

 

 

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