Freitag, 12.01.18 – 2 Tage bis zum Race

 Ich sitze in Marple in meinem Hotelzimmer, habe eine Tasse Kaffee in der Hand und denke nach.
Mir kreisen diverse Gedanken durch den Kopf.
Was wird mich in den nächsten 7 Tagen erwarten?
Habe ich alles an Equipment eingepackt, was auf der Packliste steht?
Habe ich auch wirklich nichts vergessen?
Bin ich bereit für dieses Rennen?

Ja, verdammt ich bin sowas von bereit für dieses Rennen.

Streckencheck: Micha zeigt mir die Schlüsselstellen auf dem Pennine Way

Auch wenn das Training nicht ganz nach Plan verlief und ich die letzten 2 Wochen vor dem Rennen wegen meinem gereizten Sprunggelenk und einer Erkältung nicht mehr trainieren konnte.

Micha, der schon 5 mal am Spine teilnahm, hatte mir heute Mittag in aller Ruhe anhand der Karten, die komplette Strecke erklärt. Auch wenn ich ein gutes Gedächtnis habe, bin ich mir sicher, dass ich mir nicht alles merken konnte, was er über die 420 km gesagt hat. Ich verzichte darauf, noch weiter auf die Karten zu schauen und mich verrückt zu machen. Viel zu groß ist die Vorfreude auf das Abenteuer Spine Race!

Samstag, 13.01.18 – 1 Tag bis zum Race

Vorbereitung: Das Race Briefing

Am Samstag früh fahren Micha und ich zusammen mit dem Zug nach Edale, zum Race Check in. Dort angekommen freue ich mich Jens und Simon zu treffen, die ebenfalls am Race teilnehmen, aber eine Unterkunft direkt in Edale gebucht haben.

Danach checkte ich ein. Alle Helfer sind sehr freundlich und auch sehr geduldig, wenn ich mal nicht auf Anhieb verstanden habe, was sie von mir wollten. Nach dem Check in wird dann noch die Pflichtausrüstung kontrolliert. Dafür erhält man eine zufällig ausgewählte Nummer. Hinter der Nummer verbergen sich die Gegenstände die man bei der Kontrolle zeigen muss. Da kann es vorkommen, dass man nur 3 Gegenstände zeigen muss oder wenn man Pech hat, das volle Equipment.
Ich hab Glück und bin nach dem Vorzeigen einer Mütze, Streichhölzern und meinem Wasservorrat von 2 l erlöst.

Im Anschluss gehen Jens, Micha, Simon und ich zum Race Briefing und anschließend ins Pub um eine

Nochmal stärken, bevor es los geht

Kleinigkeit zu essen und ein bisschen zu ratschen. Hier ist ordentlich was los, gefühlt platzt Edale aus allen Nähten.

 

Am Abend bin ich wieder zurück in Marple, liege auf dem Bett und freue mich auf den nächsten Tag. Ich bin allerdings doch froh, etwas ab vom Trubel, hier in einem gemütlichen kleinen Guesthouse die letzten Tage verbringen zu dürfen.

Sonntag, 14.01.18 – Das Race – Tag 1

 

Kurz vor dem Start: v.r. Jens, Micha, Andy

Ich schlafe erstaunlich gut in dieser Nacht, bis mich der Wecker um 5 Uhr aus den Federn holt. Nach dem Frühstück steht um 6:15 Uhr schon das bestellte Taxi vor der Türe. Ab dann vergeht die Zeit wie im Flug.
Ankunft in Edale, ein bisschen Ratschen vor dem Start und dann stehe ich mit 140 Gleichgesinnten auf einer Wiese, vor dem Startbanner in Edale und warte auf den Startschuss um 8 Uhr, zu einem Rennen das von seiner Art und den Bedingungen einmalig ist.

 

Die Startaufstellung in Edale

3…….2…….1……Go!
Endlich geht’s raus in die Natur. Edale lassen wir schnell hinter uns. Bei wunderschönem Wetter geht’s raus in die Hügelwelt. Der erste Anstieg zum Kinder Scout macht richtig Spaß. Alle Teilnehmer sind motiviert und gut gelaunt. Von den Wetterkapriolen des Vorjahres mit Regen und Flussquerungen keine Spur. Die Flüsse sind lediglich kleine Bäche und stellen niemanden vor eine Herausforderung.
Allerdings merke ich, wie das steinige Gelände hier oben an meinen Oberschenkeln zerrt.
Ich bin schnell unterwegs, viel schneller als gedacht. Die Strecke und das Wetter zeigen sich von ihrer besten Seite. Aber je später es wird, desto kälter wird es auch.
Jens ist im Flow seines Lebens schon weit vorne weg, Simon läuft ohnehin vorne im Feld mit, während Micha und ich gleichauf sind.
Es gibt einige kleine Versorgungsstellen, die von den Mountain Rescue Teams betreut werden, auf dieser ersten Etappe. Hier werden wir mit Tee und Kaffee verköstigt. Jedoch verzichte ich auf lange

, denn im Wind kühle ich doch viel zu schnell aus um hier Wurzeln zu schlagen.
Außerdem gibt es einen Plan. Nach ca. 50 km gibt es einen Parkplatz, auf dem tagsüber bis 19 Uhr ein Burger Van steht. Diesen will ich auf jeden Fall erreichen um etwas zu essen. Um kurz nach 17 Uhr treffen wir hier ein. Auch hier ist es schon ganz schön windig und es wird sehr kalt. Schnell essen wir auf, ich trinke noch eine Cola und dann gehst wieder auf die Strecke.

Blick auf das Torside Reservoir
Bild gemacht von Michael Frenz

Bis zum ersten Checkpoint sind es nur noch ca. 17 km, aber das Profil der Strecke ist ganz schön anspruchsvoll. Ständiges auf und ab und Wege voller knöcheltiefen Matsch kosten einfach Zeit und Kraft. Es ist mittlerweile dunkel geworden, das Feld hat sich ziemlich auseinander gezogen, aber der eine oder andere Läufer ist doch immer in der Nähe.
Kurz vor 22 Uhr erreiche ich den CP 1. Viele Läufer kommen mir hier schon wieder aus dem CP entgegen und gehen wieder auf die Strecke.
Ich überlege, ob ich hier schnell durchgehen und weiter laufen soll oder den guten Zeitpuffer nutze um eine ausgiebige Pause zu machen.
Micha entscheidet sich für eine längere Pause mit ein bisschen Schlaf. Ich schließe mich dem an, Esse ordentlich und versuche auch etwas schlaf zu finden……. Leider vergebens!

Montag, 15.01.18 – Das Race – Tag 2

Ich liege in einem der 2 Schlafsäle, die jeweils mit 12 Stockbetten ausgestattet sind und versuche die Augen zu zumachen. Doch ich bin auf der einen Seite nicht müde genug, auf der anderen Seite befindet sich direkt neben dem Schlafsaal der medizinische Bereich, in dem es die ganze Zeit hoch her geht. Ein Läufer hat sich wohl den Magen verdorben und erbricht am laufenden Band, ein weiterer kommt mit Kreislaufproblemen usw.

Am Checkpoint 1 angekommen

Die Türe und die Wände sind so dünn, dass ich alles au Detail mitbekomme. Vom Schnarchen und anderen Geräuschen im Schlafsaal mal ganz abgesehen.
Also steh ich wieder auf, um den anderen Läufer, die gerne Schlafen möchten, nicht das Bett zu blockieren und warte im Speisesaal bis Micha soweit ist.

 

Gemeinsam machen wir uns in den frühen Morgenstunden wieder auf den Weg. Ein langer Weg liegt vor uns. Bis zum nächsten großen CP in Hawes sind es 90 km. Der CP 1.5, der nach ca. der Hälfte kommt, ist so klein, dass man sich lediglich 30 min aufhalten darf.

Noch ist die Landschaft „Grün“
Bild gemacht von Michael Frenz

Was nun folgt ist eine schöne Sauerei. Der Weg führt mich über etliche schlammige Trails, entlang von Viehweiden und unendlicher Weite, vorbei an Trinkwasser Reservoirs Hügel rauf, Hügel runter. Der erste Ort, den ich an diesem Tage erreiche ist Lothersdale. Hier sollte auch ein Pub sein, das verrät zumindest die Karte und die Infos die mir Micha gegeben hat. Mittlerweile hat auch der vorhergesagte Regen eingesetzt, so dass ich nichts dagegen habe, mich mal kurz in einem trockenen Gebäude aufzuwärmen.
Tatsächlich hat der Pub offen, aber weil die Küche gerade umgebaut wird, gibt es nichts zu essen. Ok, ich trinke 2 Tassen Tee und vernichte 2 kleine Chips Päckchen, die für 1 Pfund angeboten werden, dann geht’s weiter.

Am Streckenverlauf ändert sich nicht viel, außer dass der Veranstalter die eine oder andere Umleitung über Teerstraßen eingerichtet hat, weil die Wiesen und Weiden wohl sonst zu arg zerstört worden wären.
Stunden später, gegen 15 Uhr, erreiche ich Gargrave. Auch wieder so ein kleines Nest, aber wieder mit einem Pub. Hier bekomme ich sogar etwas leckeres zu essen, was ich mir natürlich schmecken lasse, denn seit ich den CP verlassen habe gab es nichts außer ein paar Riegel und die Chips.

Nach weiteren schlammig – matschigen Kilometern, begleitet von weiteren Regenschauer, erreiche ich dann gegen 18

Matschtrails wohin das Auge blickt

Uhr den Ort Malham. Von hier aus ist es jetzt nicht mehr weit bis zum CP1.5, aber der Regen wird heftiger und ist immer wieder mit Schnee und Graupel durchsetzt. Es wird einfach unangenehm.

Nun gibt es 3 Optionen, wie mein Rennen weiter verlaufen soll.
a. Ich laufe ohne Pause weiter
b. Ich kehre im Pub in Malham ein und mache dort eine Pause im warmen
c. Ich Biwakiere in einer öffentliche Toilette in Malham und gönnen mir wind -und wettergeschützt ein bisschen schlaf.
Micha und ich entscheiden uns für Variante c. Gerade als wir in die Toilette huschen, folgt uns ein weiterer Läufer, der das selbe vor hat.

Zügig packen wir Iso Matten und Schlafsäcke aus und versuchen schnellstmöglich die Augen zu zumachen. 2 Stunden später klingelt der Wecker und wir huschen aus den Schlafsäcken wieder zurück in die kalten und klammen Klamotten.

Wir packen schnell zusammen, und verlassen die Toilette, denn es ist doch so kalt, dass wir uns wieder bewegen müssen.
Nun befinden wir uns auf den Aufstieg zu Malham Tarn, einem hochgelegenen See im gleichnamigen Naturschutzgebiet.
Leider ist es dunkel, denn der Aufstieg entlang von Felswänden und durch eine sehr Steinige Passage, ist sicherlich schön anzusehen. Jedoch bleibt im Schein der Stirnlampe nicht viel davon übrig. Außer dass wir uns im steinigen Gelände einmal schön verstiegen haben. Sicher nicht ganz ungefährlich, aber ich hab ja nicht viel gesehen und nach kurzer Zeit waren wir wieder auf dem Track.

Der Checkpoint 1.5 befindet sich in einer kleinen Scheune. Hier stehen 4 Stühle und gegenüber ist provisorisch eine kleine Küche eingerichtet. Hier bekommen wir Tee, Kaffee und warmes Wasser für unsere Trekking Mahlzeit, die wir uns hier zur Stärkung gönnen.
Leider ist das Wasser nicht heiß genug, so dass die Nudeln, der gefriergetrockneten Nahrung nicht weich wurden. Aber was soll´s, knirschend und knackend esse ich Pasta mit Soja Bolognese. Hauptasche was „warmes“ im Magen und Energie für die nächsten Kilometer.

Dienstag, 16.01.18 – Das Race – Tag 3

Merklich fallen die Temperaturen als ich Malham Tran verlasse. Leider oder Gottseidank wartet auch auf diesen Kilometern eine Umleitung auf uns Läufer. Einer der reizvollsten Gipfel der Strecke heißt „Pen-y-ghent“. Dieser hätte im Gipfelbereich sogar mit einer kleinen Kletterpassage aufgewartet. Leider ist der Fels in diesem Bereich zu vereist, so dass der Veranstalter beschlossen hat, den Gipfel zu umlaufen. Ob ich jetzt froh sein soll oder traurig weiß ich nicht. Aber ich habe gelernt, man muss die Dinge so nehmen, wie sie sind und so folge ich nicht dem GPS Track sondern der Umleitung die mit einem großen gelben Pfeil markiert ist.
Kurz nachdem ich auf die Umleitung eingebogen bin, schlägt mir ein eiskalter Westwind ohne Rücksicht ins Gesicht. Der Schnee, der von Wind auf mich einpeitscht, brennt wie Nadelstiche auf der Haut. Ich ziehe die Kapuze so weit wie möglich ins Gesicht, um nur so wenig wie möglich davon abzubekommen. Nach ca. 4 Kilometer erreiche ich Horton, der Tal Ort von „Pen-y-ghent“. Hier gibt es ein Café, das während des Spine Race, für die Läufer, rund um die Uhr, geöffnet hat. Da es mittlerweile 2:30 Uhr in der Nacht ist, bin ich sehr dankbar für diesen Service.
Im Café sind schon einige Läufer, die sich hier schlafen gelegt haben. Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass ich schon in Malham ein bisschen Schlaf hatte, denn jetzt möchte ich auf jeden Fall weiter, der CP 2 ist jetzt schon in greifbarer Nähe.
Ich gönne mir ein warmes Essen und ca. eine Stunde Pause. Die Wettervorhersage für die weitere Nacht ist nicht gut. Es heißt es gäbe „High Winds“, also starker Wind über 70 km/h.
Bis zum nächsten rettenden CP 2 sind es noch rund 17 km. Uns wird empfohlen, auf keinen Fall alleine weiter zu gehen. Micha und ich wollten ohnehin zusammen weiter. Ian, ein englischer Läufer hat sich uns angeschlossen und so machen wir uns zu dritt auf, weiter durch die Nacht.
Mit kleinen Spielchen nach dem Motto, wenn der Vorlaufende „Hopp“ sagt, muss der hintere Mann alle überholen und die Pace machen, dann wieder „Hopp“ sagen und so weiter, kommen wir einige Kilometer weit und haben sehr viel Spaß dabei.
Als der Wind noch stärker wird, bleibt keine Kraft mehr für Spielchen. Der Westwind hat uns so fest im Griff, dass wir uns kaum noch auf den Beinen halten können. Ich lehne mich mit meinen gesamten Körbergewicht gegen den Wind, um nicht einfach umgeworfen zu werden. Wir laufen nahezu nur noch in Schlangenlinien, weil es nahezu nicht möglich ist vollständig gegen den Wind anzukommen. Erst nach gut 2-3 Stunden, am frühen Morgen, lässt der Wind allmählich etwas nach.
Kurz danach erreiche ich den CP 2 in Hawes, einem der größeren Ortschaften entlang des Pennine Way´s. Der Checkpoint ist in der hiesigen Jugendherberge eingerichtet.

Blick von Checkpoint 2 zum Great Shunner Fell

Das Team in allen CP´s ist top organisiert. Der Drop Bag steht immer schon parat wenn man eintrifft, man wird sofort mit Essen und Getränken umsorgt. Es fehlt wirklich an nichts.

Ich ziehe mich zuerst zum Schlafen zurück um wieder etwas Energie zu bekommen. Wir haben in Summe noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter uns und die Berge stehen uns erst noch bevor. Nachdem ich in der Nacht dem Blizzard getrotzt habe, dachte ich mir, schlimmer kann es nicht mehr kommen….. Das war die fatalste Fehleinschätzung dieses Rennens!

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